222 Jahre Steinkopf

 

Der Buchbinderobermeister Johann Christoph Betulius, aus dem Geschlechte v. Birken, das bei der Aechtung der Protestanten in Böhmen vor dem dreißigjährigen Kriege dort ausgetrieben wurde, betrieb sein Geschäft in Stuttgart seit 1760, daneben auch Antiquariat, wozu ihn seine Kenntnisse befähigten. Unter dem 24. April 1769 erhielt er mittels Pergamenturkunde des Herzogs Karl von Württemberg ein ausschließliches Antiquarprivilegium, betrieb dann nur noch Antiquariat, dem er den Verlag von Erbauungsbüchern und Württembergicis, z.B. Sattlers topographische Geschichte von Württemberg, Arnds Predigten usw. hinzufügte.

 

Nach seinem Tode erwarb sein Enkel und Zögling Johann Friedrich Steinkopf (geb. 17. 5. 1771, gest. 4. 4. 1852) am 13. März 1792 das Geschäft käuflich von den Miterben und führte es unter seinem Namen J. F. Steinkopf als Verlag, Sortiment und Antiquariat in dem damaligen bescheidenen Maßstabe, nachdem er 1806 auch noch eine Druckerei erworben hatte, fort bis 1840. Sein Verlag, aus allen Wissenschaften bestehend, verzeichnete Werke von Chr. G. Barth, J. C. F. Burk (welcher auch den Christenboten herausgab), C. A. Dann, G. C. F. Fischhaber, Barth und Hänel (Begründer der noch heute erscheinenden »Jugendblätter«), J. J. Moser, Dr. Reinhardt (juristische Schriften), Schmid (Handbuch der Bienenzucht und für den Landmann); ferner eine große Sammlung Württembergica.

 

Das Antiquariat trat Steinkopf 1815 an seinem Bruder Ferdinand Steinkopf (gest. 12. 10. 1828) ab, dessen späterer Nachfolger Gustav Süskind wurde, ein Neffe von J. F. Steinkopf. Die Buchhandlung und Buchdruckerei übergab Steinkopf 1840 seinem Neffen Rudely Karl Louis Hänel. Dieser war am 15. 8. 1808 als Sohn eines Kaufmanns in Suhl geboren und trat im 17. Jahre bei Steinkopf als Lehrling ein, war 1829 als Gehilfe bei Vogel in Leipzig tätig und kehrte nach einer mehrmonatlichen Reise durch Norddeutschland, Holland und die Rheinlande in die Buchhandlung seines Oheims zurück. 1834 wurde er von diesem als Teilhaber aufgenommen und 1840 Eigentümer der J. F. Steinkopfschen Buchhandlung und Buchdruckerei. 1845 erwarb er dazu die Dannheimer'sche Verlags- und Sortimentsbuchhandlung in Eßlingen, die er von seinem Stuttgarter Geschäft getrennt weiterführte. Er starb am 29. 5. 1847.

 

Nach Hänels frühem Tod gab seine Witwe am 1. Aug. 1848 die Buchhandlung und Buchdruckerei käuflich ab an ihren Vetter Friedrich August Steinkopf, geb. 31. August 1824, den jüngsten Neffen des Gründers der Firma J. F. Steinkopf und zweiten Sohn des oben genannten Ferdinand Steinkopf. Seine Ausbildung hatte Fr. St. in der J. B. Metzler'schen Buchhandlung in Stuttgart erhalten und war dann in der C. P. Scheitlin'schen Buchhandlung in St. Gallen und in der Stiller'schen Hofbuchhandlung in Schwerin tätig gewesen, bis ihn 1846 ein Brief seines Oheims nach Hause zurückrief. Bis zu seinem Tode am 24. 3. 03 führte Fr. Steinkopf das Geschäft und es gelang ihm, solches zu namhafter Bedeutung und Höhe emporzubringen.

 

Im Jahre 1875 verließen Buchhandlung und Buchdruckerei ungern das alte Familienhaus in der Holzstraße, weil dieses zu der notwendigen Ausstellung einer mechanischen Triebkraft für die Buchdruckerei keinen Raum bot, und zogen über in das neu erkaufte Haus Marienstr. 11, wo sich das Geschäft mehr ausdehnen konnte. Ein Höhepunkt war das Jubiläum des 100jährigen Geschäftsbestehens im Jahre 1892, bei welchem der Besitzer rühmen durfte:

»Ich war so glücklich, treue und tüchtige Mitarbeiter und namentlich auch eine kleine Schar von Zöglingen gehabt zu haben, aus denen hochgeschätzte Männer geworden sind, die unsern Stand zieren. Jetzt stehen mir zwei Schwiegersöhne zur Seite, C. Weitbrecht und K. Gustorff, und mein Sohn Carl Steinkopf; dadurch kann ich noch jetzt mitarbeiten, was ohne solchen Beistand nicht möglich wäre.«

 

Gelegentlich dieses Jubiläums schrieb Fr. Steinkopf selbst fürs Buchhändler-Börsenblatt einen Rückblick, in dem er u. a. sagt:

»Hundert Jahre schließen mancherlei Zeiten und Veränderungen in sich, auch für jedes Geschäft. Meines Onkels Erinnerungen gingen zurück auf den großen Friedrich, und ganz lebendig waren seine Erinnerungen von der französischen Revolution und ihren Folgen; er hat auch ein Buch darüber verfaßt, eine Darstellung der Ereignisse nach den unmittelbarsten Berichten. Bezeichnend ist der damalige Vertrieb dieses Buches. Es gab noch nicht von ferne einen Sortimentshandel wie jetzt, aber es gab eine Unzahl von reichsunmittelbaren und von souveränen Herrschaften, geistlichen und weltlichen Kurfürsten, Fürsten, Grafen, Reichsstädten, Potentaten jeder Größe oder Kleinheit; diesen wurde nach Wahl die Revolutionsgeschichte zugesandt, und die meisten antworteten, nicht mit roten oder blauen Bändchen oder Diplomen, sondern mit Medaillen, mit großen goldenen von der Größe eines Fünfmarkstücks und mehr; in meiner Kindheit habe ich noch eine ziemliche Anzahl jener Ehrenthaler gesehen, die vollends in Silber verwandelt worden sind. Das Geschäft war aber ein sehr lohendes und ehrenvolles.

 

Die Kriegszeiten von 1792 bis 1815 und die deutsche Schmach waren schwer, der Druck der Zeit lag hart auf jedem einzelnen, von der Sparsamkeit der damaligen Lebensweise hat unser Geschlecht keine Vorstellung mehr. Mein Onkel pflegte oft zu erzählen, wie das Starkenbuch und der Löfflerin Kochbuch ihm damals das tägliche Brot ins Haus gebracht.

In hundert Jahren erlebt der Buchhandel, um mit Jean Paul zu reden, natürlich vieles Traurige in Verlag, Sortiment und Kommission; Sorgen und Mühen aller Art sind auch hier nicht ausgeblieben; aber auch viel Freudiges und Bedeutendes ist geworden, auch im Steinkopf'schen Verlage; der Aufschwung des deutschen Buchhandels in dieser Zeit ist doch ein großartiger und gewaltiger.«

 

Der Jubelfeier 1892 folgte ein schwerer Schlag durch den Tod des Teilhabers und Schwiegersohnes Conrad Weitbrecht (23. Nov. 1893), der in frischem, gesegnetem Unternehmungsgeist den Vertrieb besorgt, den Christenboten neu organisiert und so hauptsächlich zu dem großen Aufschwung des Geschäfts beigetragen hatte. An seinerstatt hatte Fr. Steinkopf die Freude, am 30. März 1899 seinen ältesten Enkel Friedrich Weitbrecht als Teilhaber ins Geschäft aufzunehmen. Inzwischen war Fr. St. zum Kommerzienrat ernannt und es ward ihm vergönnt, in großer Frische und Rüstigkeit das 50jährige Jubiläum als Inhaber des Geschäfts (1. August 1898) und seine goldene Hochzeit (26. August 1901) zu feiern.

 

Am 24. März 1903 starb er im 79. Lebensjahr und das Geschäft wird seither von seinen Teilhabern Carl Steinkopf (seit 1886), Konrad Gustorff (seit 1890), Friedrich Weitbrecht (seit 1899) im gleichen Geiste weitergeführt, denen im Jahr 1905 sich als weiterer Teilhaber Otto Weitbrecht, geb. 1. 5. 1880, zugestellte. Im Jahre 1906 machte die Vergrößerung des Geschäfts die Erstellung eines großen Neubaues für die Druckerei notwendig, in dem auch die Redaktionen und Expeditionen der »Deutschen Reichspost, Zentralorgan der Konservativen Süddeutschlands« und der Fachzeitschrift »Der Maler Raum fanden.

 

Der Verlag war inzwischen zu einem sehr bedeutenden Geschäft herangewachsen und hatte sich über fast alle Gebiete der Wissenschaft ausgebreitet; an der Spitze steht naturgemäß die Theologie. Darunter Namen wie Joh. Arnd, Ludwig Hofacker, Prof. J. T. Beck, Dr. C. U. Hahn, Julius Köstlin, Dr. C. Palmer, Prälat G. Weitbrecht, Karl Gerok, Alexander Maclaren, Prof. Dr. R. Kübel, Prof. Herm. Cremer, Prof. Dr. J. Robertson, J. Höffner, u. v. a. Die Jurisprudenz wurde in den letzten zwei Jahrzehnten weniger gepflegt, sie ist vertreten durch Bolley, Klemm, Pfizer, Reinhardt, Stein und Pelargus. Von der Medizin seien genannt die Bücher von Obermedizinalrat Dr. Paul von Sick und von Bojanus. Sehr umfangreich ist das Gebiet der Pädagogik einschließlich der Volks- und Jugendschriften vertreten. An deren Spitze steht hier die 1865 begonnene »Deutsche Jugend- und Volksbibliothek« (bis jetzt 215 Bändchen) mit Mitarbeitern wie Caspari, Grube, Wild, Frommel, Weitbrecht, Barth, Klee, Zeller, Steurich, Gotthelf u. v. a.

Zu nennen wäre noch die erbauliche und erzählende Literatur; aus ersterer seien die Namen Johann Albrecht Bengel, Fr. Bettex, Oetinger, Kapff, Baader, Böhme, Culmann genannt. Die Erzählungen sind vertreten durch Emil Frommel, Caspari, Ingeborg Maria Sick, Jan Maclaren, Margarete Spörlin, Emma Marshall u. a. Zum Schluß seien noch erwähnt die Zeitschriften »Der Christenbote«, im 78. Jahrgang, herausgegeben vom Stiftsprediger Prälat Weitbrecht und die »Jugendblätter«, 72. Jahrgang, herausgegeben von Pfarrer K. Weitbrecht. Das »Christliche Kunstblatt«, herausgegeben von Pfarrer David Koch, erschien von 1867 bis 1907 im Steinkopf'schen Verlag, ist aber seit 1908 an Callwey in München übergangen. Der »Süddeutsche Schulbote« erschien vom Jahre 1837 bis 1891. 1837 bis 76 debitierte Steinkopf auch die Süddeutsche Buchhändlerzeitung (Redakteure) K. Messow, Th. Liesching, Th. Hartwig).

 

Der größte Verkaufserfolg des Verlagshauses mit einer Auflage über 1,5 Mio. Exemplaren, gelang 1912 mit dem Druckauftrag „Die Heilige und ihr Narr“ von Agnes Günther.

 

1925 führte Martin Weitbrecht das Gesamtunternehmen nach Friedrichs Tod weiter.

 

Während des 2. Weltkriegs erfolgt eine scharfe Zensur, u.a. das Verbot des Blattes „Der Christenbote“. Darüber hinaus führten mehrere Bombenangriffe zur Zerstörung des Firmensitzes und der Ausstattung, was einen Umzug in andere Räumlichkeiten erforderte.

5 Jahre nach Ende des 2. Weltkrieges wurde nach der Fertigstellung des Provisoriums in der Marienstraße 11 und nach Martin Weitbrechts Tod, der Betrieb erneut aufgenommen, diesmal von seinem Neffen Walter.

 

1972 ging der Verlag als GmbH an Ulrich Weitbrecht. Antiquariat, Buchhandlung und Druckerei gehörten rechtlich unabhängig den Nachkommen von Friedrich Weitbrecht (geb. 1925) unter dem Firmennamen „J.F.Steinkopf Druck und Buch GmbH Stuttgart“.

 Ein Jahr später zogen Antiquariat und Buchhandlung in das Gebäude Marienstraße 3, in dem sich auch das traditionsreiche Kunsthaus Schaller befand. So waren Kunst und Literatur unter einem Dach vereint.

 

1995 wurde Steinkopf Druck von Steinkopf Buchhandlung und Antiquariat getrennt; vier Jahre später erfolgte dann die Trennung von Buchhandlung und Antiquariat, jeweils als GmbH.

 

Da das Antiquariat J. F. Steinkopf GmbH größere Räumlichkeiten für die Lagerbestände benötigte, zoges 1999 in die Marienstraße 5, Ecke Sophienstraße um.

 

Am 04.03.1999 eröffnete die Buchhandlung Steinkopf am Rotebühlplatz 10 ihre neuen Verkaufsräume.

Die Nachkommen Johann Friedrich Steinkopfs führten sein Vermächtnis erfolgreich in das neue Jahrtausend und verstanden sich weiterhin als Verwalter schwäbischen Kulturguts, das sie mit Lesungen und anderweitigen Aktionen lebendig tradierten.

 

Am 01.01.2003 erfolgte die Übernahme der Buchhandlung durch Reiner Steegmüller, der die Buchhandlung Steinkopf bis heute leitet.

 

2005 verlagert das Antiquariat Steinkopf seine Geschäftsaktivitäten in die Hermannstraße 5 in Stuttgart, dem Stammhaus der Verlegerfamilie Steinkopf.

 

 

Quellen: Süddtsche. Buchh. Ztg. 1847; Börsenblatt f. d. dtschn. Buchh. 1892/3; Verlagskataloge 1815, 1824, 1854, 1868 1881 und 1895.

 

 

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